Zurück

PS: Die folgende Mail wurde am Dienstag, den 13.8.2002 geschrieben.

*********** BEGINN DER WEITERGELEITETEN NACHRICHT ***********

Am 14.08.02 um 03:15 schrieb André Höhne:

Hallo zusammen,

im folgenden ein kleiner Bericht der als Rundmail an alle geht, die Dresden bissl kennen dürften aber momentan das Geschehen verpassen. Es empfiehlt sich einen Stadtplan zur Hand zu nehmen, wenn mann nicht alle Straßennamen im Kopf hat.

GESTERN:
Also, gestern Abend gings langsam los: Nach einem Tag Dauerregen trat nahe meiner Wohnung (Strehlen, Nähe Wasaplatz) der "kleine" Kaitzbach über die Ufer. Dadurch wurde Altstrehlen leicht geflutet, wirklich schlimm sah es aber nur am Haltepunkt Strehlen aus: Der Kreisverkehr bildete das südliche Ufer des neu gebildeten "Strehlen- Sees", direkt am Bahnhof stand das Wasser ca. 2m inkl. geparkter Autos. Das Wasser floß dann über die Wiener Straße nach Osten und Westen ab - und dann irgendwie in den Großen Garten. Gestern war das noch recht aufregend, aber dann...

HEUTE:
Dresden könnte es heute durchaus mit Venedig aufnehmen. Kurz die Übersicht:
- Hauptbahnhof ca. 1 bis 2m.
- St. Petersburger Str. 2m
- Prager Straße ca. 1m
- Friedrichstadt ist fast komplett geflutet, das Krankenhaus ist evakuiert
- der Große Garten bildet mit der Bürgerwiese einen See, der den Lenneplatz im Osten, den Hauptbahnhof im Süden und das Rathaus im Norden als Ufer umfaßt
- der Zwinger ist eine Insel, innen und außen ist nur eins: Wasser

Nun im einzelnen:

VORMITTAG
Eigentlich hätte ich heute einen Serverausfall in der Neustadt beheben müssen. Mit dem Auto war in der Schienen-Unterführung nahe Lenneplatz Schluß: Stau. Während des Wartens kam das Wasser mit ca. 1m pro 10 Sekunden in die Unterführung gelaufen. Nach ein paar Minuten war ich glücklicherweise aus der mittlerweile recht vollen Unterführung raus und stand jetzt etwas höher auf der völlig gefluteten Wiener Straße an den Wohnheimen Parkstraße immer noch Richtung Straßburger Platz, Albertbrücke.

Das Auto stand bis zum Schweller im Wasser, der Auspuff blubberte im Wasser und die Wellen schlugen gegen die Türen - es klang wie in einem Ruderboot. Sobald jemand entgegen kam, schwankte die Kiste im Seegang. Sehr unangenehm. Am Lenneplatz wurde es flacher und die Lennestr. bis zum Straßburger Platz war nur wenige Zentimeter unter Wasser: der Große Garten (-See) ergoß sich in die Bürgerwiese. Als ich mich bis zum Straßburger Platz durchgestanden hatte, brach ich mein Neustadt-Vorhaben ab und fuhr rechts auf die Stübelallee. Dort auf der Südseite des Großen Gartens, hinter der Queralle, floß ebenfalls das Wasser ab - in die Johannstadt. Mein kleiner Ausflug endete wieder in Strehlen.

NACHMITTAG
Betti und ich haben danach eine Besichtigungs-Tour am Studentenwohnheim Fritz-Löffler-Str. gestartet, dessen Parkplatz gerade evakuiert wurde. Vorn am Hauptbahnhof schoß das Wasser ca. einen Meter hoch aus allen Türen: vorn, hinten, Norden, Süden, Osten. Richtung Innenstadt (St. Petersburger Str.) war kein Ende des Wassers zu sehen. Im Westen, also am offenen Ende des Bhf. floß ein "Ausläufer" der Weißeritz ca. 3m hoch über die gesammt Gleisbreite in den Hauptbahnhof hinein. Es waren gerade noch die blau-weißen Schilder "Dresden Hauptbahnhof" an den Bahnsteigen zu sehen.
An der Rückseite des Hbf. entlang (Bayrische Str.) gingen wir auf die Brücke der Budapester Straße. Von da bot sich ein eigenartiger Blick: Unter uns standen zwei Züge bis zur Hälfte in einem Fluß der (als ob es so sein sollte) in den Hbf. strömte. Links (nördlich) vom Bahnhof war schon der grenzenlose Wiener Platz - See erkennbar. Sämtliche Baugruben für die Tiefgaragen und natürlich auch das Tunnel waren randvoll. Vom westlichen Ende des Bhf. aus war kein Ende der riesigen Wasserfläche zu sehen - die gesamte Wiener Straße stand bis zur ELF-Tankstelle am Großen Garten unter Wasser. Aus dem Bahnhof selbst brach sich das Wasser seinen Weg durch die vorhandenen Holzbauzäune und Baukontainer. Letztere schwammen auch vor dem Bahnhof Richtung Prager Straße.
Ein Blick von der Budapester Brücke Richtung Westen (Hbf. im Rücken) zeigte, daß der Weißeritz-Ausläufer durch einen tiefen Gleiskanal der Strecke Freiberg/Freital zum Hauptbahnhof lief. Von links (Süden) kam ein Sturzbach hinter den Wohnheimen "Budapester" von der Zwickauer heraus und spühlte auf dem Weg in besagten "Gleisbettfluß" die Schienen eines Nebengleises weg.
Auf der gesperrten Nossener Brücke (Nordseite) angekommen erkannten wir, daß die Zwickauer Str. das Ostufer der "neuen" Weißeritz bildete, teilweise war auch diese Straße bis zu 2m abgetaucht. Von hier an bis zum eigentlichen Flußbett am Ende der Kesselsdorfer war nahezu alles ein einziger Strom, die Nossener Brücke überspannte eine riesige Wasserfläche. Das dortige Heiz-) Kraftwerk war aufgrund der Überflutung schon gestern ausgefallen.
Unterhalb der Nossener Brücke, am ursprünglichen Flußbett der Weißeritz boten sich die schlimmsten Bilder. Wohnhäuser waren eingeschlossen, aus den oberen Etagen schauten noch hilflose Menschen; Geschäftshäuser mit ihren hohen Glasfasaden waren von Baumstämmen durchschossen und das Wasser strömte in mehreren Metern Höhe hindurch. Freiberger und Löbtauer Straße waren reißende Nebenarme der Weißeritz. Nur das Westufer (Kesselsdorfer) war hoch genug ausgebaut und daher nahezu verschont.
Wir marschierten weiter über die Nossener Brücke, rechterhand unter uns ein unendliches Meer aus dem die Häuser wie Inseln herausragten. Mit gewaltiger Kraft schoß das Wasser durch die Häuserzeilen und rammte mit Baumstämmen Brückengeländer und anderes beiseite. Ich schätze die Wassertiefe unmittelbar unterhalb der Nossener Brücke auf rund 1m auf allen Straßen, Wegen und Plätzen.
Das Ende der Nossener Brücke (Fröbelstr.) stand ebenfalls etwas unter Wasser, obwohl hier die Schlammmassen zeigten, daß der Pegel schon höher gewesen sein mußte. Links (Westen) tobte die orginale Weißeritz in ihrem randvollen Bett, rechts (Osten) begannen die weiten Seen- und Flußlandschaften der "erweiterten" Weißeritz. Wir bogen rechts (östlich) in die Fröbelstraße ein, die jedoch schon ab Kreuzung Cottaer völlig abgesoffen war. Auf dieser Kreuzung floß das Wasser aus der kleineren Semmelweisstraße aus Süden heran und komischerweise auch aus einem gegenüberliegenden Speditionsgelände, also aus Norden. Die Brühe floß zügig Richtung Osten in die Alt- und Freidrichstadt ab. Mit meinen kurzen Hosen hab ich Betti geschultert und bin quer durch die braune Suppe zur höher gelegenen Waltherstraße gewatet, immer darauf bedacht keinen unsichtbar fehlenden Gullideckel zu erwischen. Unglaublich, was ein knapper halber Meter Wasser für Strömungskraft entwickelt!
Die Waltherstraße, die als Fußgängerbrücke den Güterbahnhof Friedrichstadt überspannt gab den Blick frei auf eine Wasserfläche, die anhand der aus dem Naß ragenden Waggons zu erkennen gab, daß unter ihr sonst der Güterbahnhof lag. Der gesamt Bereich ein einziger See!
Am Ende der Waltherstr. bogen wir rechts (östlich) in die Schäferstr. ab, wobei auf Höhe des evakuierten Krankenhauses Friedrichstadts die "erweiterte" Weißeritz weiteren Forscherdrang stoppte. Wie aufgereiht fuhren die Krankenwagen an uns vorüber, vermutlich wurden weitere Patienten verlegt.
Eine freundliche Polizisten sagte uns, daß bis auf die Carolabrücke mittlerweile alle dresdner Brücken gessperrt seien und eine weitere Flutwelle der Elbe erwartet werde. Wir dackelten nun den gesamten Weg zurück, um die Innenstadt zu inspizieren. Ein Marsch durch Friedrichstadt in die Stadtmitte war völlig unmöglich, da praktisch der ganze Stadtteil tief und mit starker Strömung geflutet war.
Nach dem Marsch zurück über Nossener und Budapester Brücke erreichten wir die Prager Straße, die rund einen Meter Hauptbahnhof- Weißeritz-Wasser führte und daneben die St. Petersburger, die mindestens 1,5m Pegel hatte. Abgestellte Autos ragten nur noch mit den Dächern heraus, am UFA-Kino steckengebliebene Straßenbahnen zeigten gerade noch Scheiben und hilflose Blinker. Aus Karstadt kam uns das Wasser durch die geschlossenen Türen entgegen.
Nachdem ich Betti mal wieder über die gefluteten Weisenhausstr. und den Dr-Külz-Ring geschleppt habe erreichten wir am Rathaus das Nordufer des innerstädtischen Meeres. Von hier Richtung Bahnhof und auch Richtung Bürgerwiese schimmerte nichts als die schmutzige Brühe unterbrochen von einzelnen Autodächern.
Ein Abstecher zum abgetauchten Zwinger zeigte uns, daß die erweiterte Weißeritz von ihrem Flußbett im Westen über die gesamte Friedrichstadt bis hierher zum Postplatz alles überschwemmt hatte. Dabei hatten wir die Ausmaße des anderen Weißeritz-Arms, der sich über die Freitaler Gleisstrecke durch den Hbf. in die Petersburger und Prager Straße ergoß noch gar nicht erkannt.
Am Ufer der Elbe hinter der Semperoper begann das "Delta" der Weißeritz und setzte sich bis zur Marienbrücke fort (vermutlich auch dahinter) - auf dieser gesamten Strecke floß das Wasser in Strömen
Über die brühlsche Terrasse und den Pirnaischen Platz gelangten wir zur völlig schwimmenden Bürgerwiese (1m und mehr). Im Blüher Park waren nur einzelne Wege als Stege oberhalb des Wassers begehbar. Gelegentlich mußte ich wieder Packesel spielen und Betti durch die Ströme tragen. Blicke Richtung Süden erzeugten Gänsehaut, war doch das ganze angrenzende Viertel tief abgesoffen wie bauchtief! versunkene Radler zeigten. Glücklicherweise waren alle Tore des Harbig-Stadions geöffnet, da ringsum nur noch Seen das Laufen erschwerten. Durchs Stadion gingen wir zum Großen Garten, der eigentlich eine durchgehende Wasseroberfläche zeigte. Da auch der Lenneplatz gespeist durch die Wiener Str. schwomm, durfte ich ein weiteres Mal Betti transportieren.
Eine abschließende Kontrolle am mittlerweile getrockneten, aber von Schutt umgebenen Haltepunkt Strehlen beendete die kleine Schreckensreise.
Insgesamt hat die Weißeritz also von ihrem Flußbett im Westen bis zur Zwickauer Str. im Osten gewütet und ist dann (begrenzt durch den Bahndamm) einerseits weiter durch die gesamte Friedrichstadt und (vermutlich über die Freiberger) durch die Altstadt (Grenze Postplatz) zur Elbe geströmt, anderseits hat ein weiterer Arm durch den Hbf. einen See erzeugt, der vom Bahnhof im Süden bis zum Rathaus im Norden reicht und im Osten den Großen Garten und im Westen die Prager Straße umfaßt. Das muß man sich auf einer Karte angesehen haben!
Das Gebiet zwischen Bahndamm, Freiberger, Postplatz und westlich Prager Str. dürfte dagegen recht klimpflich davon gekommen sein wenn man von den generellen Kellerflutungen im gesamten Innenstadtbereich absieht.
Soweit der Bericht für alle Fernen. Wer Rechtschreibfehler findet kann sie behalten.

bis neulich André

Zurück